
Der berühmteste Detektiv der Welt langt im Kino ordentlich zu: Guy Ritchie verfilmte Arthur Conan Doyles "Sherlock Holmes" neu.
Genre: Action
Starttermin: 28.01.2010
Regisseur: Guy Ritchie
Schauspieler: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams
Entstehungszeitraum: 2009
Land: USA / AUS / GB

Neue Töne in der Baker Street
Sir Arthur Conan Doyle und die Helden seiner Romane waren Briten durch und durch. Für die Besetzung der "Sherlock Holmes"-Neuverfilmung gilt das nicht mehr. Der US-Amerikaner Robert Downey Jr. ("Iron Man") übernahm die Hauptrolle des Pfeife rauchenden Detektivs und gewann dafür den Golden Globe als bester Schauspieler - in einer Komödie. Ein Krimi im viktorianischen England als Klamauk? Eine Überraschung ist das nicht: Schließlich führte Guy Ritchie Regie.

Madonnas Ex-Mann kennt sich in der Verbrecherszene an der Themse bestens aus. "Bube, Dame, König, GrAS" und "Snatch - Schweine und Diamanten" waren höchst amüsante kleine Gangsterballaden aus der Londoner Unterwelt mit einer gehörigen Portion verschmitzter Sympathie für die Kleinkriminellen. Für seinen Kostümschinken hat Ritchie nun die Seiten gewechselt und seinen Humor mitgenommen. Neben trockenem Witz gibt es - natürlich - auch ziemlich viel Action. Das passt zu Ritchie, der kein Mann der leisen Töne ist.

Es ist ein anderer Holmes im viktorianischen London unterwegs, als der rationale Beobachter, der seit 1887 in 56 Kurzgeschichten und vier Romanen brillant und oft auch leise ermittelt. Keiner, der mit der berühmten "Deerstalker"-Mütze auf dem Kopf klug und gelassen schlussfolgert. Eher einer, der das Abenteuer sucht, cool, nonchalant und mit lockeren Fäusten. Das mag nicht jedermann gefallen: Das Bild von Sherlock Holmes wurde auf der Leinwand von den düsteren Verfilmungen der 40er-Jahre (mit Basil Rathbone) oder der steifen (aber keineswegs schlechten) BBC-Serie aus den 80-ern, in der Jeremy Brett den Detektiv spielte, geprägt.

Allerdings: Auch bei Arthur Conan Doyle hatte Holmes nicht nur grüblerische Züge. Er verkleidete sich gerne, liebte den pointierten Schlagabtausch mit Watson, versank auch mal im Opiumsumpf, experimentierte in zahlreichen Naturwissenschaften und schlug, wenn es denn sein musste, kräftig zu. Guy Ritchie konzentriert sich auf diese Elemente - und das ist durchaus faszinierend.

"Stagnation macht meinen Geist rebellisch. Geben Sie mir Probleme", fleht Holmes in seiner Kammer in der Baker Street 221b völlig zugedröhnt seinen Kompagnon Dr. Watson an, von Jude Law überraschend selbstbewusst interpretiert. Die Probleme kommen schneller als erwartet. Lord Blackwood (Mark Strong), den die beiden in der rasanten Eingangsszene hinter Gittern und damit vor Gericht und an den Strang brachten, ist von den Toten auferstanden und führt eine Geheimorganisation mit besten Verbindungen in Regierungskreise an. Ein neues England will er erschaffen, mehr noch: eine neue Weltordnung. Nicht nur seine Ideologie erinnert an faschistische Wahnvorstellungen, Blackwood adressiert seine Gefolgsleute auch gerne in einem Ledermantel im Gestapo-Stil.

Mit viel Budenzauber und Brimborium spielt der eloquente Blackwood mit den Ängsten der Masse und sorgt für Aufregung: ein interessanter Schurke und würdiger Gegner für Holmes, der auch an einer anderen Front kämpft. Die rätselhafte Irene Adler (Rachel McAdams), eine Meisterdiebin, ist ebenfalls hinter Blackwood her - hat allerdings ihre eigene Agenda. Also macht sie Holmes das Leben schwer, nicht nur das berufliche. Es knistert zwischen dem Superdetektiv und der Superverbrecherin. Das verbietet zwar der Anstand, aber der hat im heutzutage Kino nichts zu suchen.
Hier braucht man Protagonisten mit Sex-Appeal und technischem Knowhow. Männer, die zupacken können und Humor haben. Guy Ritchie weiß das: Er inszenierte seine Detektivgeschichte als rasantes Buddy-Movie mit Comic-Charakter. Holmes ist ein selbstgemachter Superheld und nicht nur wegen der Besetzung mit Robert Downey Jr. ein Iron Man des ausgehenden 19. Jahrhunderts: technisch versiert und nicht ganz unfehlbar. Aber immer mit dem letzten Wort oder dem letzten Schlag.
Natürlich darf man fragen, ob es wirklich nötig war, Holmes dieser Generalüberholung zu unterziehen, um ihn für die modernen Sehgewohnheiten kompatibel zu machen. Ob es nötig war, dass sich Holmes und Watson wie Bud Spencer und Terence Hill durch ein am Computer entstandenes London prügeln. Und ob es nötig war, den Schurken in einem klassisch-spektakulären Showdown auf der halbfertigen Tower-Bridge zu überführen.
Dem Geiste Arthur Conan Doyles entspricht die Modernisierung natürlich nicht. "Sherlock Holmes" ist ein aufgeregter Kostümschinken, abwechslungsreich, hyperaktiv, schwungvoll in Szene gesetzt. Und definitiv mit einer Explosion und einem Slapstick-Element zu viel. Guy Ritchie fehlt in seinem Mix aus Satire, Komödie und Actionfilm eine klare Linie. Unterhaltsam ist das zwar allemal, aber auch beliebig: zwei perfekte Voraussetzungen für eine neue Filmreihe.
Kein Wunder also, dass der Verleih bereits eine Fortsetzung ankündigte, noch bevor der erste Film überhaupt startete. Dessen Ende bereitet ja auch ein Wiedersehen mit Holmes' Erzfeind Professor Moriarty vor.
Autor: Andreas Fischer
- Kontingent zum Festpreis
- Restmengen verfallen nicht
- Überall in Deutschland