Martin Günther (31) ist seit 1995 Nachrichtenmann beim NRW-Sender "Eins Live" und moderiert außerdem beim hessischen Sender YOU FM (früher hr-xxl). NewPower Online unterhielt sich mit dem Radioprofi über seinen Job.
Wie lange bist du schon beim Radio?
Meinen ersten Beitrag habe ich 1988 zu Hause an der Stereoanlage produziert und einfach an meine damalige Lieblings-Jugendsendung im alten WDR-1-Programm geschickt. Die fanden's witzig, Beiträge von einem 16-Jährigen zu senden - und schon war ich freier Mitarbeiter. Wäre heute wahrscheinlich nicht mehr so einfach ...
War es schon immer ein Traum von dir, Radio zu machen oder hat es sich eher zufällig ergeben?
Die Medienwelt hat mich schon immer fasziniert. Das Radio war dabei das Medium, wo man auch als Hörer am einfachsten mitmischen konnte. Bevor in besagter WDR-Sendung mein erster Beitrag lief, kannten die mich schon von unzähligen Gewinnspielen und Hörer-Aktionen. Ich habe die so lange genervt, bis ich für die Schülerzeitung vorbeikommen durfte, um einen Artikel übers Radio zu schreiben. Ich war sozusagen der penetrante Stamm-Hörer, der jede Möglichkeit ergriffen hat, um mitzumischen – bis ich schließlich damit Geld verdienen konnte.
Wie und über welche Stationen bist du zum Radio gekommen?
Angefangen habe ich, wie gesagt, 1988 als freier Mitarbeiter beim alten WDR 1. Als dann der NRW-Lokalfunk an den Start ging, habe ich auch da mal kurz mein Glück versucht, durfte aber als Schülerpraktikant nur CDs sortieren. Also habe ich mich mit einer schön bösen Bürgerfunk-Sendung gerächt und bin dann dem WDR treu geblieben. Während meines Studiums in Köln habe ich regelmäßig Beiträge für WDR 1 gemacht. 1995 ging dann alles Schlag auf Schlag. Aus WDR 1 wurde "Eins Live", und ich habe mich einfach mal als Moderator beworben. Gelandet bin ich dann in den Nachrichten – und dort bis heute auch geblieben. Gleichzeitig habe ich noch bei der Stadtillustrierten PRINZ ein Volontariat gemacht, und mich zum Redakteur ausbilden lassen. Als ich damit fertig war, habe ich mir dann neben dem WDR noch einen zweiten Radio-Job gesucht. Freie WDR-Mitarbeiter haben nämlich traditionell viel Zeit, weil der WDR einem – je nach Job – nur vier bis zehn Arbeitstage im Monat erlaubt. So will der Sender verhindern, dass sich Freie auf eine Festeinstellung einklagen.
Nach einer kurzen Zeit beim NDR-Jugendradio N-Joy bin ich dann beim Hessischen Rundfunk gelandet. Fünf Jahre lang habe ich für die Jugendwelle XXL moderiert. Jetzt ist das Programm gerade in “YOU FM” umgetauft worden – und ich bin selbst noch sehr gespannt, was das für Veränderungen mit sich bringt.
Ist eine journalistische Ausbildung für Radiomacher förderlich oder sogar notwendig?
Förderlich bestimmt. Zumindest bei den “großen” Radiosendern ist es mittlerweile ziemlich schwierig, ohne Vorkenntnisse auf den Sender zu kommen. Zumindest reicht es aber für einen festen Job als Redakteur inzwischen oft, ein abgeschlossenes Studium oder ein Volontariat zu haben. Früher wollte zumindest der WDR immer beides im Lebenslauf sehen. Als freier Mitarbeiter kann man sich zur Not auch ohne Abschluss durchschlagen. Gute Einstiegsmöglichkeiten sind in NRW sicherlich der Bürgerfunk oder aber Redaktionspraktika. Wer sich da nicht zu dumm anstellt und ein bisschen Talent demonstriert, kann oft als freier Mitarbeiter weiter machen.
Welche Eigenschaften sollte man für die Arbeit "on air" noch mitbringen?
Wichtig sind vor allem eine schnelle Auffassungsgabe und der sichere Umgang mit Sprache. Gerade bei der Moderation von aktuellen Live-Sendungen hat man manchmal nur ein paar Minuten, um sich in ein Thema einzulesen. Da muss man relativ flott kapieren, wo der Kern der Sache liegt und welche Fragen wichtig sind. Je nach Sender und Sendung schadet es natürlich auch nicht, wenn einem hin und wieder mal 'ne witzige Pointe einfällt. Und teamfähig sollte man auch sein, denn Radio ist nie nur der Moderator alleine.
Würdest du dich eher als Nachrichtensprecher oder als Moderator bezeichnen?
Also auf den Begriff “Nachrichtensprecher” reagieren wir bei Eins Live alle ziemlich allergisch.
Sorry!
Schon okay. Aber: Wir lesen da nämlich nicht nur irgendwelche Meldungen vor, die wir fertig vorgesetzt bekommen, sondern sind für den Inhalt der Nachrichten selbst verantwortlich. Ein Team von bis zu drei Leuten gleichzeitig ist von morgens bis abends damit beschäftigt, aus dem Wust der Agenturmeldungen die spannendsten und wichtigsten raus zu suchen und die oft ziemlich komplizierte Schriftsprache in Radio-Deutsch zu übersetzen. Das Vorlesen zur vollen Stunde ist also nur das i-Tüpfelchen. Offiziell heißen wir bei Eins Live übrigens "Event-Co-Moderatoren" – wer auch immer sich das ausgedacht hat. Im Team sprechen wir aber eher schlicht von Nachrichten- oder Info-Leuten. Bei YOU FM moderiere ich das normale Magazin- und Musik-Programm. Das hat also mit “Nachrichtensprechen” eigentlich gar nichts zu tun. Im Moment kann ich auch nicht wirklich sagen, welchen der beiden Jobs ich lieber mache. Gerade durch die Abwechslung wird's nie langweilig.
Was unterscheidet die Arbeit bei den Nachrichten von der des Moderierens?
Bei den Nachrichten kommt es vor allem darauf an, Fakten darzustellen und komplizierte Sachzusammenhänge auf ihren verständlichen Kern einzudampfen. Das Schöne, aber oft auch Schwierige, ist, dass wir bei Eins Live versuchen, das Ganze möglichst umgangssprachlich zu halten. Dabei darf man aber auch nicht zu salopp werden, denn sonst wird man der Sache nicht mehr gerecht. Außerdem ist in den Nachrichten natürlich nicht wirklich Platz für die eigene Persönlichkeit. Die ist dafür beim Moderieren um so mehr gefragt – zumindest bei den Programmen, in denen ich bisher moderiert habe. Da geht es darum, auch mal mit persönlichen Stories zu unterhalten, einen bösen Kommentar über die Kurz-Ehe von Britney Spears abzulassen oder einfach am Telefon mit den Hörern zu frotzeln. Natürlich kann dir aber auch da jederzeit ein "seriöses" Thema reinschneien – und dann zahlt sich die Nachrichten-Erfahrung natürlich aus.
Was macht für dich den jeweiligen Reiz der verschiedenen Formate aus?
Beim Moderieren habe ich meistens einfach eine ziemlich gute Zeit. Ich kann laute Musik hören, zwischendurch witzige Kommentare ablassen – und bekomme auch noch Geld dafür. Außerdem macht es Spaß, kreativ zu sein und zu testen, ob die eigenen Ideen funktionieren. Herausfordernd sind aber auch die ernsteren Momente. Schaffe ich es bei einem Live-Interview in zwei Minuten die richtigen Fragen zu stellen. Wie gehe ich mich mit unerwarteten Situationen um?
Die Nachrichten bei Eins Live sind ein Fall für sich. Die Infos haben sich als Format in den vergangenen acht Jahren immer verändert. Während wir anfangs nur die Meldungen der WDR-Hauptnachrichten leicht umgeschrieben haben, haben wir inzwischen ein sehr eigenständiges Format entwickelt. Besonderen Spaß macht inzwischen zum Beispiel unser heimliches Markenzeichen, die so genannten "Einzelheiten". Das sind unsere eigenen kleinen Erklär- und Einschätzungs-Stücke, die in jeder Sendung ein komplexes Thema etwas ausführlicher beleuchten. Spannend an den Nachrichten ist auch, dass du nie weißt, welche Themen im Laufe des Tages auf dich zu kommen. Du musst dich im Stundenrhythmus auf immer wieder neue Stories einstellen. Nach der Schicht schwirrt dir dann kurz der Kopf - aber zumindest mir geht es so, dass ich dann relativ schnell abschalten kann, weil ich ja ohnenhin meistens nicht wissen kann, was morgen auf mich zu kommt. Was aber vor allem Spaß macht, ist, dass ich bei beiden Jobs in sehr lustigen Teams arbeite. Da wird sehr viel gelacht, und das ist wichtig!
Du hast schon für mehrere Sender gearbeitet. Wo siehst du die Unterschiede zwischen Eins Live, WDR 1 und hr-xxl und was bedeutet das für Deine Arbeit?
WDR 1 war ein Sender, der nach dem klassischen Kästchenschema gearbeitet hat. Jede Sendung hatte ihre eigene Redaktion – und Sendung A wusste oft nicht, was Sendung B gerade plant. Das Ergebnis war ein meistens recht abwechslungsreiches Programm, das man aber nicht wirklich durchhören konnte. Eins Live und YOU FM arbeiten nach dem Wellenprinzip – das heißt: ein großes Team behält das gesamte Programm im Überblick und auch die Musikauswahl wird von einer Redaktion für den gesamten Tag getroffen. Insgesamt klingt das einheitlicher, was seine Vor- und Nachteile hat. Größter Vorteil ist, dass die Hörer sich auf das Programm verlassen und es deshalb zu jeder Tageszeit blind einschalten können. Nachteil dieser Formatierung ist, dass gerade musikalisch manchmal wenig Platz für Experimente bleibt. Was ich aber entscheidend finde, ist, dass bei beiden Sendern ambitionierte Teams am Werk sind, die den Anspruch haben, den jungen Hörern die wichtigsten Infos über das Weltgeschehen mit auf den Weg zu geben. Das unterscheidet uns von den Musiksendern im Fernsehen.
Macht es dir etwas aus, durch die Arbeit beim Radio quasi eine öffentliche Person zu sein, oder genießt du das auch ab und zu?
Das Praktische ist, dass ich bei meinen Freunden nie in Vergessenheit gerate, wenn ich mich mal ein paar Wochen nicht melde. Die haben mich dann in der Zwischenzeit meistens x-mal im Radio gehört und wissen, dass alles beim Alten ist. Insgesamt hält sich die Popularität beim Radio aber stark in Grenzen. Die Leute kennen mein Gesicht nicht und den Namen merkt sich zumindest bei den Nachrichten auch kaum jemand. Aber klar: Wer nicht wenigstens einen kleinen Kick daraus bezieht, vor Tausenden Menschen zu sprechen, macht den Job nicht.
Ist dir in diesem Zusammenhang schon mal etwas Witziges passiert, über das du heute noch manchmal schmunzelst?
Vor einigen Jahren hat mir eine Hörerin mal eine sehr liebevolle Geburtstagskarte gebastelt. Mit Fotos von ihr und mir und Blümchen und so. Wirklich total rührend! Inzwischen sind wir allerdings wieder geschieden und mein ganzes Honorar geht für die Alimente drauf...
Und wie sieht es mit dem peinlichsten Erlebnis aus in diesem Zusammenhang?
Wie gesagt: In der Öffentlichkeit erkannt werde ich nie – deshalb muss mir auch nichts peinlich sein.
Was ist für dich das Besondere am Radio gegenüber anderen Medien?
Das Radio ist immer noch das schnellste Medium. Wenn eine wichtige aktuelle Meldung kommt, kannst du die innerhalb kürzester Zeit über den Sender jagen. Außerdem kannst du mit relativ kleinem Aufwand große Bilder im Kopf erzeugen. Beim Fernsehen bist du immer auf tatsächliche Bilder angewiesen.
Welcher Stellenwert wird der Stimme beim Radio beigemessen?
Die Stimme ist auf die eine oder andere Art immer wichtig. Bei dem einen Sender darfst du nicht zu glatt klingen, beim anderen nicht zu kantig. Die einen wollen lieber eine Art wiedererkennbare Einheitsanmutung bei allen ihren Moderatoren. Die anderen setzen auf möglichst individuelle Typen. Und natürlich transportiert sich über die Stimme auch dein Alter. Das bedeutet auch: Du kannst dich noch so jung fühlen – irgendwann ist Schluss mit jungem Radio.
Bist Du ein Naturtalent in Sachen Stimme oder hattest du fleißige Helferlein?
Ich hatte zwischendurch mal ein paar Stunden Sprechunterricht. Bei YOU FM haben wir außerdem regelmäßige Abhörsitzungen mit einem Moderations-Coach. Der versucht dir auch beizubringen, wie du die Stimme optimal einsetzt. Viel kann man lernen, sofern dich Mutter Natur mit einem gewissen Grundstock versorgt hat.
Dein schönster Versprecher?
Da gibt's ständig nette Sachen. Erst gestern habe ich gesagt "Die CDU verwest..." statt "Die CDU verweist..."
Dein peinlichster Versprecher?
Nicht direkt ein Versprecher, aber vor ein paar Jahren habe ich mal vergessen, den Zettel mit dem Formel-Eins-Ergebnis mit ins Studio zu nehmen. Ich wollte es aber trotzdem irgendwie melden und habe es einfach frei erzählt. Dummerweise habe ich aber genau in dem Moment vergessen, wer eigentlich gewonnen hatte. Ich habe dann 30 Sekunden lang laut zwischen Jean Alesi und Jacques Villeneuve geschwankt und dann gesagt: Ich komm' gleich nochmal mit dem Zettel wieder. Später habe ich dann zufällig erfahren, dass die Konkurrenz genau diesen Ausschnitt inzwischen bei Moderations-Seminaren vorspielt – ich glaube, als Beispiel wie man sich selbst in eine dämliche Situation bringen kann.
Gibt es für dich ein Vorbild, was Radio moderieren oder machen betrifft?
Ein direktes Vorbild habe ich eigentlich nicht. Es gibt viele Kollegen, bei denen man sich etwas abschauen kann – und einige, bei denen man sich denkt: "So mache ich's auf gar keinen Fall!". Aber so etwas wie zum Beispiel den genialen Witz eines Harald Schmidt kann man ohnehin nicht imitieren.
Gibt es bestimmte Studienrichtungen oder –fächer, die du empfehlen würdest, wenn sich jemand mit dem Gedanken beschäftigt, irgendwann professionell Radio zu machen?
Hui, wunder Punkt bei mir! Ich habe nach dem Abi angefangen, Volkswirtschaftslehre und ein bisschen Politik zu studieren, weil ich dachte, davon muss ich als seriöser Journalist Ahnung haben. Leider war der meiste Stoff aber für meinen Geschmack viel zu trocken. Gleichzeitig haben meine "Nebenjobs" beim WDR und bei PRINZ immer mehr Spaß gemacht, so dass ich irgendwann voll gearbeitet habe und kaum noch in die Uni kam. Kurz vor'm Examen habe ich's dann dran gegeben, weil ich keine Lust mehr auf noch mehr Zeit raubende Quälerei mit kryptischer Fachliteratur hatte. Keine Ahnung, ob mir mein fehlender Abschluss noch mal irgendwann beruflich zum Verhängnis wird. Bis jetzt hat ihn niemand vermisst. Generell ist es aber gerade in der schnelllebigen Medienbranche nie verkehrt, etwas Handfestes gelernt zu haben. Ich würde ein Studium empfehlen, dass einen wirklich interessiert – ansonsten wird's schnell zur Tortur. Und wenn man sich wirklich komplett auf Journalismus konzentrieren will, ist, glaube ich, der Studiengang in Dortmund mit eingebundener WDR-Mitarbeit eine ganz gute Empfehlung. Aber da gibt es bestimmt Leute, die sich damit besser auskennen.
Wo siehst du das Radio in fünf Jahren, welche Formate oder Entwicklungen zählen dann?
In den letzten zehn Jahren waren die Jugendwellen das neue Ding. Was jetzt fehlt, sind Programme, die die Leute – Hörer und Mitarbeiter – auffangen, die aus diesen Wellen rausgewachsen sind, sich aber an den rotzigen Ton dort gewöhnt haben. Denn alle "erwachseneren" Programme sind in ihrer Ansprache an die Hörer vergleichsweise brav bis anbiedernd. Die logische Konsequenz wäre mal eine Welle, bei der es thematisch und musikalisch durchaus anspruchsvoller zugeht, die Moderatoren aber trotzdem auch mal einen bösen Gag machen dürfen. Möglicherweise ist so ein Programm aber reines Wunschdenken. In der Realität regiert momentan eher der Konkurrenzdruck, so dass auch viele Öffentlich-Rechtliche immer mehr nach Privatfunk klingen, statt auf ihre eigentlichen Stärken zu setzen.
Welchen Traum beim Radiomachen möchtest du dir unbedingt noch erfüllen?
Im Moment bin ich da relativ bescheiden. Ich wünsche mir einfach, dass mir meine Arbeit auch bei den nächsten Programmen, bei denen ich arbeiten werde, weiter so viel Spaß macht wie jetzt. Ich habe beim Jugendradio eine großartige Zeit, aber ich weiß, dass die aufgrund meines Alters langsam zu Ende geht. Ich hoffe, dass das meine Leidenschaft für den Job nicht trüben wird.
Sagt dir der Name Heinrich Rudolf Hertz etwas, ohne dass du nachschlägst?
Äh, nicht wirklich. Hat der was mit Physik zu tun und der fürs Radio nicht ganz unwichtigen gleichnamigen Maßeinheit?
Welche Frage würdest du diesem Mann stellen, wenn du ihn interviewen dürftest?
“Guten Tag, wer sind Sie?”
Was glaubst du, würde er antworten?
“Hätten Sie sich nicht besser vorbereiten können, junger Mann?”
Um Dich nicht auf die Folter zu spannen: Heinrich Rudolf Hertz (1847-1894) war der Erfinder des Radios ...
Wieder was gelernt ...
- Kontingent zum Festpreis
- Restmengen verfallen nicht
- Überall in Deutschland